Schrift

Das geistliche Wort

Sonntagshunger

Das Korn auf dem Feld steht hoch, es reicht ihnen bis zur Hüfte. Vorsichtig setzen sie einen Fuß vor den anderen. Sacht berühren die Hände die vollen Ähren. Die Blumen zwischen Halmen leuchten rot, weiß und gelb.

Ein Tag, der die Seele streichelt mit Stille, Wärme und Fülle.
Die Ähren bleiben zwischen den Fingern hängen und plötzlich fängt einer von ihnen an: Pflückt die volle Ähre, reibt sie zwischen Händen und füllt mit dem Korn seinen knurrenden Magen. Immer mehr Ähren reißt er ab bis der bohrende Hunger gestillt ist. Die anderen tun es ihm nach.
Da werden Schreie laut – nicht etwa die Bauern beschweren sich, sondern die frommen Schriftgelehrten: Es ist Sabbat, da darf nicht geerntet werden. Doch für Jesus und seine Jünger geht der Hunger vor.
Der freie Tag der Woche ist dem Hunger gewidmet: Weniger dem Hunger des Körpers, sondern dem Hunger der Seele. Es ist der Tag, der uns einlädt, uns um das innere Wohl zu sorgen, das an Wochentagen zu kurz kommt.

In unsere Kirchen laden die Glocken ein zu Stille, Musik und Gebet, wir dürfen von der Fülle Gottes kosten. Es wird der Hunger nach Zuspruch, nach Annahme und Gemeinschaft gestillt. Oftmals verabschiede ich die Besucher an der Kirchentür und sehe, wie ihre Augen leuchten – die Seele hat aufgetankt und hat Kraft für die kommenden Tage.
Axel Noack schrieb: „Was ist eigentlich los mit uns allen, dass wir so gerne durch die Kaufhallen streifen und Lustgewinn vornehmlich aus Konsum ziehen? Müssen wir da irgendetwas kompensieren? Wie kann man wortreich über Werteverlust lamentieren, aber einen Wert, der das menschliche Zusammenleben wesentlich prägt, nämlich die Heiligkeit des Sonntags, vordergründigen Interessen und Gelüsten opfern?“
Wir freuen uns, Sie am Sonntag in unseren Kirchen begrüßen zu dürfen!

Superintendentin Ulrike Weyer